#PiBinterview

7 FRAGEN AN…
Sibylle Fendt

PiB Interview Nº4 | Januar 2018

This interview is only available in German.

Für das #PiBinterview Nº4 in der Reihe »7 Fragen an…« hatte PiB das große Vergnügen, mit Sibylle Fendt zu sprechen.

Dieses Interview wurde zuerst auf dem Hatje Cantz fotoblog veröffentlicht, zu dem PiB im Januar 2018 als Gastblogger eingeladen war.

PiB: Liebe Sibylle, magst du dich kurz vorstellen?

SF: Ich habe an der FH Bielefeld Fotografie studiert und bin direkt nach meinem Abschluss im Jahr 2002 nach Berlin gezogen. 2003 bis 2005 besuchte ich als Gaststudentin die Klasse von Wolfgang Tillmans am Städel, Frankfurt am Main. Ab 2007 begann ich selbst zu unterrichten und bin bis heute Dozentin durchgehend an der Ostkreuzschule und hin und wieder an anderen Hochschulen (FH Bielefeld, HS Hannover, FH Anhalt, KH Weißensee). Vor allem in den Nullerjahren habe ich sehr viel für Magazine fotografiert. 2010 bin ich der Agentur Ostkreuz beigetreten. Im Jahr 2015 haben wir den Ostkreuz-Verein für Fotografie e.V. gegründet, deren 1. Vorsitzende ich bin.

PiB: Woran arbeitest du aktuell, und hast du bereits ein zukünftiges Projekt geplant?

SF: Im Juni 2016 habe ich ein neues Projekt begonnen über die Bewohner einer abgelegenen Flüchtlingsunterkunft im Schwarzwald, 15 km von meinem Elternhaus entfernt. Dort leben etwa 30 Geflüchtete, ausschließlich junge alleingereiste Männer, da für alle anderen die Abgelegenheit und der Zustand des Hauses nicht zumutbar wären. Ich besuche sie regelmäßig und bleibe meist zwischen 3 und 5 Tagen vor Ort. Es passiert fast gar nichts dort. Diesen Zustand versuche ich zu beschreiben. Gegen Ende diesen Jahres möchte ich gerne mein 2. Fotobuch daraus machen.

PiB: Könntest du bitte eines deiner Fotos auswählen und die Geschichte dazu erzählen?

SF: Dieses Foto war das erste Bild, das ich für meine Serie ‚Uneins’, mit der ich 2002 meinen Abschluss an der FH Bielefeld machte, anfertigte. In meiner Arbeit wollte ich mich mit sogenannten Messies beschäftigen. Ein damals ziemlich unbekanntes und wenig ergründetes Phänomen. Einerseits faszinierte mich die Symbolkraft der zugemüllten Zimmer, des puren Überflusses, der Unorganisiertheit, die meiner Meinung nach einen Rückschluss auf unsere Wertegesellschaft zogen, andererseits wollte ich die Menschen kennen lernen und zeigen, dass es keine Freaks sondern Menschen wie Du und ich sind, die einfach den Überblick verloren haben, die durch ihre unbändige Sammelleidenschaft alltägliche Aufgaben verdrängen, und natürlich vieles mehr.

Was ich dabei als junger Student nicht abgeschätzt hatte, war, wie schwer es war, nicht nur an die Menschen heranzukommen, sondern vor allem überhaupt vor Ort zu fotografieren. Einen Monat lang besuchte ich wieder und wieder Margot, wir verbrachten Stunden im Gespräch, sprachen über alles, jedes Mal brachte ich meine Kamera mit, aber nie holte ich sie aus der Tasche. Irgendwann rief ich frustriert meine Eltern an, um ihnen mitzuteilen, dass ich nicht in der Lage war, dieses Projekt zu realisieren und mich deshalb wieder von der Diplomprüfung abmelden müsste. Als nächstes ging ich ins Prüfungsamt um heraus zu finden, wieviel Zeit mir für die Abmeldung noch blieb. Ich hatte noch 2 Wochen. Ich zwang mich, es wenigsten ein Mal zu probieren, bevor ich mich abmeldete. Dabei entstand dieses Portrait. Als ich es im Labor entwickelte, erzählte es mir so viel von Margot, was ich nie hätte in Worte fassen können. Es war das erste Portrait eines Menschen, das ich angefertigt habe, das weit mehr als nur die Oberfläche beschreibt. Es gab mir Vertrauen, dass diese Arbeit vielleicht doch ihre Berechtigung hat und nicht nur „das Leiden anderer betrachtet“.

PiB: Mit welcher Kamera / Ausstattung / Film fotografierst du am liebsten?

SF: In meinen freien Projekten benutze ich eigentlich immer meine Mamiya RB 67. Ich habe für sie nur ein Objektiv und auch nur ein Rückteil. Spätestens nach dem 10. Bild muss ich eine Pause machen, da ich den Film wechseln muss. Ich liebe die Langsamkeit, die Trägheit, irgendwie sogar, dass ich immer den entscheidenden Moment verpasse oder dann gerade der Film voll ist. Die Kamera hat mir beigebracht, dass ich in gewisser Weise die Geschichten, die ich vor Ort erlebe, auf meine Weise nacherzähle, sie neu schreibe. Die Kamera zwingt mich dazu, mir Zeit zu nehmen. Ich komme mir vor wie ein alter Bauer, der seine Wiese immer noch mit der Sense mäht, weil er dadurch seinem Gras näher ist. Ich liebe die Ungewissheit, ob die Bilder überhaupt etwas geworden sind und das Überraschungsmoment, wenn ich die entwickelten Filme abhole und zum ersten Mal auf dem Leuchttisch anschaue, bevor ich ins Labor gehe.

PiB: Falls es eine alltägliche Routine in deinem Leben gibt, wie sieht diese aus?

SF: 6:30 Uhr aufstehen und erst mal eine große Tasse Milchkaffee trinken. Ohne die geht nichts. Danach wird mein großer Sohn aus dem Bett geschmissen und die üblichen Vorbereitungen für die Schule getroffen. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, beginnt das Chaos ; )

PiB: Welchen Aspekt deines fotografischen Schaffens magst du am liebsten?

SF: Ich liebe es einerseits, wenn ich mich für ein Fotoprojekt entschieden habe und mir die Zeit dafür freigeschaufelt habe, mich – ohne auf die Uhr zu schauen – der Situation hinzugeben. Das sind Momente, in denen ich versuche, nicht mehr in Kategorien wie Effektivität, Sinn und Vernunft zu denken, sondern mich einfach treiben zu lassen. Für mich sind das Zeitlöcher, in denen ich wirklich das mache, was mir am aller meisten Befriedigung verschafft.
Worauf ich mich aber genauso freue, ist die Zeit danach im Labor. Da ich meine freien Projekte immer analog fotografiere, verbringe ich viel Zeit im Labor. Die Laborarbeit macht mir immer noch den selben Spaß, den ich auch mit 16 Jahren im elterlichen Keller hatte, als ich meine ersten eigenen schwarzweiß Bilder vergrößerte.

PiB: Welches historische Ereignis würdest du gerne fotografien?

SF: Die sogenannte ‚Flüchtlingskrise’ war ein Ereignis, wo mir klar wurde, dass ich als Fotograf irgendwie Stellung dazu nehmen muss. Es ist mir nicht leicht gefallen, bei einem Thema, das fernab von meiner persönlichen Biografie liegt, eine Position zu beziehen. Letztendlich habe ich den deutschen bürokratischen Apparat unter die Lupe genommen, also die Art und Weise, wie wir damit umgehen.

PiB: Ein Feedback, Kommentar oder Kompliment zu deiner Arbeit, welches du nie vergessen wirst?

SF: Barbara Klemm sagte einmal zu einem 20-minütigen Spontan-Vortrag, den ich vor Studenten über mich und meine Arbeit gehalten hatte, dass in diesen 20 Minuten die Studenten mehr gelernt hätten als in einem kompletten Studium. Das ging runter wie Butter.

PiB: Sibylle, meinen herzlichen Dank für dieses Interview!

PiB: Abschließend noch ein Ausstellungstipp: Im Kunstquartier Bethanien in Berlin-Kreuzberg ist nur noch heute (22. Januar 2018) die Gelegenheit, die Gruppenausstellung »HAB KEINE ANGST« zu besuchen. Geöffnet ist bis 20 Uhr, Eintritt frei, schaut vorbei!
Die Ausstellung vereint die Ergebnisse von 11 Seminarteilnehmer_innen der Ostkreuzschule, die unter der Leitung von Sibylle Fendt im Laufe eines Jahres eine fotografische Arbeit angefertigt haben. Mit Arbeiten von Anna Eiling, Solveig Faust, Christian Lima Dehne, James Haliburton, Dirk Heinecke, Natalia Kepesz, Anke Krey, Anastasia Lobanova, Benjamin Markstein, Gregor Nobis, und Fynn Rettberg.

Let’s conclude this interview with an exhibition recommendation: Today (Jan 22, 2018) is the last chance to visit the group show »HAB KEINE ANGST (Don’t be afraid)« at Kunstquartier Bethanien in Berlin-Kreuzberg! Open until 8 pm, free admission, drop by!
Over the course of a year, and under the guidance of Sibylle Fendt, 11 Ostkreuzschule Seminar participants undertook a photographic journey of discovery. This exhibition brings together the final results. With works by Anna Eiling, Solveig Faust, Christian Lima Dehne, James Haliburton, Dirk Heinecke, Natalia Kepesz, Anke Krey, Anastasia Lobanova, Benjamin Markstein, Gregor Nobis, and Fynn Rettberg.

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